Eine Podiumsdiskussion zum Thema des journalistischen Umgangs mit dem Rechtsextremismus gab es vergangenen Mittwoch in der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Hintergrund dieser Veranstaltung ist ein in der Hochschulzeitung Unique erschienenes Interview mit einem Neo-Nazi aus dem Braunen Haus in Jena, bei dem es sich Gerüchten zufolge um den einschlägig bekannten Christian Kaiser handelt. In dem Gespräch darf er sich zu Fragen äußern wie „Wofür kämpfst du?“ und „Wie sähe das Land aus, in dem Du leben möchtest?“.
Ich habe das Interview mit einigem Interesse gelesen, war allerdings nicht sonderlich überrascht, ob der gemachten Aussagen. In bemüht- sympathischem, streckenweise larmoyantem Ton gab da der Rechte eine Menge an Angebereien, Realitätsausblendungen, Vorwürfen und platten Lügen zum Besten und natürlich fehlt es auch nicht an propagandistischen Lösungsformeln zu den Themen, welche die extreme Rechte seit einigen Jahren zu besetzen versucht. Alles nichts Neues. Ich fand es nur schade, dass die Redaktion nicht die nötigen Informationen mitlieferte, welche auch Leser mit weniger Wissen über die extreme Rechte befähigen würden, die Aussagen kritisch zu lesen und Bullshit als solchen zu entlarven zu können. So weit so schlecht.
Bei einigen anderen Lesern jedoch führte das abgedruckte Interview zu weitaus größerer Empörung. Diese scheint auch berechtigt zu sein, wenn man sich vor Augen führt, dass dieses Gespräch ohne weiteres so oder so ähnlich auch in einer extrem rechten Zeitschriftenpublikation – und eigentlich nur dort – stehen könnte. Es ist schon erschreckend, wenn sich eine durch den Stura mitfinanzierte Hochschulzeitung aufgrund der Vernachlässigung journalistischer Pflichten oder gar absichtsvoll oder der reinen Provokation wegen zum Sprachrohr von Nazis macht. Da die Angelegenheit immer höhere Wellen schlug und Rechtfertigungen der verantwortlichen Autoren des Interviews keinesfalls dazu beitrugen die Konfliktsituation zu entschärfen, wurde also für Mittwoch, den 28. Januar zu einer Podiumsdiskussion in den Hörsaal 8 am Campus eingeladen, wo nicht nur Vertreter aller studentischen Medien in Jena vertreten sein würden, sondern auch zwei Professoren sowie ein Sprecher des Aktionsnetzwerkes gegen Rechtsextremismus.
Als ich, dem Akademischen Viertel zu seinem Recht verhelfend, deutlich nach 20 Uhr den besagten Hörsaal aufsuchte, war dieser leer. Meine erster Gedanke war, dass sich die am Thema interessierten Menschen sicherlich kurzfristig einen kleineren Seminarraum gesucht hatten, um sich aufgrund der geringen Beteiligung nicht durch zu großen Distanzen in den Weiten eines Hörsaals schrecken zu lassen. Tatsächlich aber wurde die gesamte Veranstaltung in den wesentlich größeren Hörsaal 1 verlegt, wo bei meinem Eintreffen bereits über 300 Leute darauf warteten, dass es los ging.
Der Abend begann mit einer Vorstellungsrunde der Diskussionsteilnehmer, in welcher bereits wesentliche Positionen und Meinungen deutlich wurden. Christoph Ellinghaus vom Aktionsnetzwerk, der sich entsetzt über die Veröffentlichung des Interviews zeigte, erinnerte an die Strategie der NPD, Teil des normalen Diskurses werden zu wollen. Dies gelte es zu verhindern. Unkritische Interviews wie diese, kämen jener Strategie sehr entgegen. Louisa Reichstetter von der Studentenzeitung Akrützel kritisierte die Führung des Interviews und stellte die Frage, weshalb auf kritische Nachfragen im Interview verzichtet worden sei. Clara Günther, eine Chefredakteurin des CampusTV, vertrat die Ansicht, dass Rechtsextremismus auf keinen Fall tabuisiert werden dürfe. Dafür bedürfe es aber auch einer sensiblen Herangehensweise an das Thema. Sollte sich herausstellen, dass ein Medienbeitrag nicht gelungen sei, dann dürfe er einfach nicht veröffentlicht werden. Der Vertreter vom CampusRadio Frank Piehler, kam auf die Rolle von Werten zu sprechen. Der Diskurs über den Rechtsextremismus könne nicht wertfrei geführt werden.
Professor Wolfgang Seufert vom Fachbereich Medienökonomie sieht in dem Interview ein schlechtes journalistisches Produkt, dessen Erscheinung rufschädigend für die Friedrich-Schiller-Universität sein könnte. Die Vorstellung, es sei Aufgabe der Medien, jeden zu Worten kommen zu lassen, ist seiner Meinung nach völlig falsch. Professor Frindte, Kommunikations- und Medienpsychologe, vertrat anfänglich die These, dass dem Rechtsextremismus keinerlei Öffentlichkeit gegeben werden dürfe, wobei er diese Aussage im Verlauf der Diskussion teilweise revidierte und differenzierter auf die Problematik einging. Zuletzt äußerten sich in dieser ersten Runde die beiden „Macher“ des Interviews, Fabian Köhler und Lutz Thormann von der Unique. Ersterer formulierte den Anspruch der Zeitschrift, sich mit dem Thema Interkulturalität zu beschäftigen, worunter auch Inhalte fallen, welche Interkulturalität bedrohen. Die Unique sei eine unpolitische Zeitschrift, deren Aufgabe auch darin bestehe, gesellschaftliche Realitäten abzubilden, ohne diese durch Kommentare der Journalisten zu überdecken. Die Alternative sei, nur ein völlig verfremdetes Bild von Nazis in den Medien zu erhalten. Lutz sah in der Veröffentlichung des Interviews zumindest die positive Wirkung, dass sie damit eine Debatte losgetreten haben, welche offenbar für Viele von großem Interesse sei. Beide räumten handwerkliche Fehler ein, stehen jedoch nach wie vor zu der Veröffentlichung des Interviews.
Die Diskussion, in der auch viele Fragen und Bemerkungen aus dem Publikum kamen, entspannte sich in den folgenden zwei Stunden über grundlegende Probleme der journalistischen Arbeit, wie Aufgaben, Rechte und damit einhergehende Verantwortung. Es gab praktische Fragen, wie zum Beispiel nach dem Umgang mit Kommentaren auf Internetseiten und letztendlich ging es auch darum, welche Lehren und Konsequenzen aus dem Fall zu ziehen seien.
Ich persönlich habe aus dem Abend folgende Erkenntnis mitgenommen:
1. Es gibt keinen wertefreien Journalismus.
2. Das Thema Rechtsextremismus darf nicht ignoriert werden, muss jedoch mit der gebotenen journalistischer Vorsicht behandelt werden.
3. Dies bedeutet, dass ein geplanter Beitrag stets im Kontext gesellschaftlicher Ereignisse und Strömungen gesehen werden muss, was auch bedeutet, dass die Konsequenzen einer Veröffentlichung mit gedacht werden müssen.
4. Lehren aus der Vergangenheit, wie zum Beispiel den Pogromen von Rostock und Hoyerswerda in den 1990er Jahren, wo journalistisches Versagen zu einer Verschlimmerung der Situation führte, dürfen nicht vergessen werden.
Eine große Herausforderung besteht meiner Meinung nach darin, den Parolen der Nazis keine Plattform zu bieten, zugleich aber auch nicht zuzulassen, dass der Eindruck entsteht, es würde eine geheime Wahrheit unterdrückt werden. Daher kann die Lösung auch nicht darin bestehen, sich der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Positionen gänzlich zu verweigern. Allerdings bedarf es einiger Kompetenzen, um rhetorisch geschulte Nazi-Kader – und nur solche treten für gewöhnlich in Kontakt mit den Medien – aus der Deckung ihrer eingeübten, öffentlichkeitskompatiblen Phrasen hervor zu locken. Darüber hinaus kann es aber auch für jeden persönlich nützlich sein, Wissen über die Strategien und Argumentationsmuster der extremen Rechten, sowie entsprechende Gegenargumente parat zu haben, um nicht stillschweigend zusehen zu müssen, wenn einem im Alltag rechte Positionen begegnen.
Auf der Seite der bundeszentrale für politische Bildung gibt es ein Dossier zu dem Thema „Rechtextremismus und Medien“ in dem sich auch einige Tipps zur Berichterstattung über Rechtsextremismus von Toralf Staud finden lassen. Dessen Buch über „Moderne Nazis“, welches sich in Ausschnitten auch im Internet findet, kann ich übrigens sehr empfehlen.
Einen kompletten Mitschnitt der Podiumsdiskussion gibt es ab Montag auf der Internetseite von CampusRadio zu hören.
Ein Fernsehbeitrag von JenaTV findet sich hier .